Essay
Grundbegriffe der Metaphysik: Eine Analyse der ontologischen Strukturen
Die theoretische Philosophie widmet sich in ihrem Kern der Untersuchung der grundlegendsten Strukturen unserer Wirklichkeit. Ein zentraler Bereich ist dabei die Metaphysik, die sich mit Begriffen wie Sein, Substanz und Eigenschaft befasst. Die folgende Analyse basiert auf der Vorlesung von Paul Hoyningen und beleuchtet die sprachlichen sowie inhaltlichen Differenzierungen, die das abendländische Denken bis heute prägen.
# Die sprachliche Grundlage: Sein vs. Seiendes
Ein häufiges Hindernis im philosophischen Diskurs, insbesondere in der deutschsprachigen Tradition der letzten 200 Jahre, ist ein unpräziser Sprachgebrauch bezüglich des Wortes „sein“. Zur Klärung müssen drei Formen unterschieden werden:
- **Verbum (Infinitiv):** Das reine Zeitwort „sein“, vergleichbar mit Tätigkeitsworten wie „laufen“.
- **Substantiviertes Sein:** „Das Sein“ beschreibt den thematisierten Vollzug.
- **Partizip:** „Das Seiende“ bezeichnet dasjenige, das am Sein teilhat – so wie ein „Laufender“ derjenige ist, der den Vollzug des Laufens ausübt.
In der Tradition wurde oft fälschlicherweise „Sein“ anstelle von „Seiendes“ verwendet, etwa in der Aussage „Ideen sind das eigentliche Sein“. Korrekt müsste es heißen, dass Ideen das „eigentlich Seiende“ sind, also dasjenige, dem in höchstem Maße Existenz zukommt. Martin Heidegger betonte diese „ontologische Differenz“ als entscheidend, während Kritiker wie Wolfgang Stegmüller polemisch von einer „Seins-Pest“ sprachen, die das Verständnis erschwere.
# Die aristotelische Ordnung: Substanz und Akzidenz
Die kategoriale Ordnung der Welt geht maßgeblich auf Aristoteles zurück. Er führte die Unterscheidung zwischen Substanz und Akzidenz ein, die bis heute als Fundament der Metaphysik gilt.
1. Erste Substanz (Usia): Dies sind Einzeldinge (z. B. ein spezifisches Pferd oder Sokrates), die hinsichtlich ihres Seins von nichts anderem abhängig sind. Sie existieren aus sich selbst heraus und sind ontologisch vorrangig.
2. Akzidenz: Hierbei handelt es sich um Eigenschaften, die vom Seienden (der Substanz) abhängig sind. Ein Beispiel ist die Kahlköpfigkeit des Sokrates; diese Eigenschaft kann nicht ohne den Träger (Sokrates) existieren.
3. Zweite Substanz: Dies bezeichnet Arten und Gattungen (z. B. „Mensch“ oder „Säugetier“), die das Wesen (Essentia) eines Dinges ausmachen. Sie sind notwendig, damit ein Ding das ist, was es ist.
Diese Struktur führt zum Universalienstreit. Während Platon lehrte, dass Universalien (Allgemeinbegriffe) unabhängig von Einzeldingen existieren, vertrat Aristoteles die Ansicht, dass sie ontologisch sekundär sind und nur an den konkreten Einzeldingen existieren.
# Moderne Differenzierungen der Eigenschaften
In der deutschen Terminologie wird „Substanz“ oft als „Ding“ und „Akzidenz“ bzw. „zweite Substanz“ als „Eigenschaft“ übersetzt. Innerhalb der Eigenschaften gibt es weitere wichtige Unterscheidungen:
- **Intrinsische Eigenschaften:** Diese kommen einem Ding ohne Bezug zu anderen Dingen zu (z. B. die Form). Sie werden oft als **primäre Qualitäten** bezeichnet (Bewegung, Undurchdringlichkeit).
- **Extrinsische (relationale) Eigenschaften:** Diese existieren nur im Bezug zu anderem, wie etwa „größer sein als“.
- **Sekundäre Qualitäten:** Ein Spezialfall extrinsischer Eigenschaften, die einen Beobachter voraussetzen, wie etwa Farben. Hierbei stellt sich die Frage, ob die Welt an sich farbig oder farblos ist.
# Problematiken und Ausblick
Die neuzeitliche Metaphysik steht vor der Herausforderung, das Verhältnis des „einen Dings“ zu seinen „vielen Eigenschaften“ zu erklären. Ein Ding fungiert als Einheit, die unzählige Eigenschaften zusammenhält und dabei eine gewisse Selektivität (Eigensinn) zeigt – es kann beispielsweise nicht gleichzeitig vollständig rot und schwarz sein.
Zudem erweist sich die Identifikation wirklich intrinsischer Eigenschaften als schwierig. In der klassischen Physik galt die Masse als intrinsisch, während sie in der relativistischen Physik zunehmend relational betrachtet wird. Sogar Immanuel Kant radikalisierte dies, indem er argumentierte, dass alle Eigenschaften physischer Gegenstände letztlich auf unser Anschauungsvermögen bezogen und somit in gewissem Sinne „sekundär“ sind.
Kernaussage: Die Metaphysik strukturiert die Welt durch die Unterscheidung von Trägern (Substanzen) und deren Merkmalen (Eigenschaften), wobei die Grenzziehung zwischen notwendigen und zufälligen sowie inneren und äußeren Merkmalen ein dauerhaftes Spannungsfeld bleibt.
Wichtigste Fakten:
- Unterscheidung von Sein (Vollzug) und Seiendem (Teilhaber).
- Aristotelische Kategorisierung in erste Substanz, zweite Substanz und Akzidenz.
- Differenzierung zwischen primären (objektiven) und sekundären (subjektiven) Qualitäten.
- Die Problematik, dass wissenschaftlicher Fortschritt vormals intrinsische Eigenschaften als relational entlarvt.
Offene Fragen/Einschränkungen:
- Existieren Universalien wirklich unabhängig (Platon) oder nur im Geist/im Ding?
- Gibt es überhaupt rein intrinsische Eigenschaften, die völlig unabhängig von jedem Bezugssystem existieren?
- Inwieweit ist die Welt ohne einen Beobachter überhaupt mit Eigenschaften beschreibbar?